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Der lange Weg zum Frieden Ein kleine Gruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aus Halle machte sich Mitte Februar auf den Weg nach Israel und Palästina, um langjährige Freunde zu besuchen und ihnen Anteilnahme zu bezeugen: Viel zu viel Menschen in Deutschland haben sich voller Enttäuschung von den Menschen in Israel und Palästina abgewandt, haben nicht nur ihre Reisen "auf bessere Zeiten" verschoben, sondern auch die Hoffnung aufgegeben, daß Haß und Gewalt durch menschliches Engagement und Vertrauen überwunden werden kann. Zudem vermitteln die Medien leider den Eindruck, als wäre der Weg zum Frieden verlassen oder endgültig gescheitert; die Fernsehbilder erwecken den Eindruck, das öffentliche Leben sei längst zusammengebrochen und es herrsche Chaos und Bürgerkrieg. Differenzierende Berichte nimmt man kaum wahr und pflegt oft wieder totgeglaubte Klischeevorstellungen über "d i e Juden" und "d i e Moslems" und "ihre Unfähigkeit", miteinander in Frieden zu leben. Die Friedensbewegungen und ihre Projekte in Israel und Palästina werden nicht (mehr) wahrgenommen oder als unbedeutend zur Seite geschoben. Sicher: die besonders in Deutschland gehegte Hoffnung, am Verhandlungstisch rasch an das Ende eines langen und mühevollen Weges zum Frieden zwischen den dort lebenden Völkern, Kulturen, Lebensstilen, Religionen und politischen Optionen zu gelangen, war trügerisch; jetzt wird wieder bewußt, welche vielfältigen Konflikte noch viel Zeit zu einer Lösung brauchen. Aber die Menschen dort waren sich dieser Konflikte immer bewußt; sie lebten und leben damit und streiten wie eh und je über verschiedene Modelle und Strategien. Aber vor allem geht man mit großer Gelassenheit und Disziplin die täglichen Aufgaben an. So sind wir kreuz und quer durch das Land gefahren - ohne das Gefuhl, damit besonders "mutig" oder von Gefahren umgeben zu sein. Von Chaos und Bürgerkrieg, Militäraufmärschen oder hektischen Sicherheitsvorkehrungen war nichts zu sehen (wenigstens nicht mehr als in den inzwischen glorifizierten Zeiten des Massentourismus nach Israel!). Wir waren in Tel Aviv, Netanya, Haifa und Akko, an der libanesischen Grenze und auf dem Golan, in Jericho und am Toten Meer, in Jerusalem und auch in Beit Jala und Bethlehem. Wir haben sehr unterschiedliche Gruppen besucht, haben zugehört, wenn sie von ihrer Arbeit und auch von ihren Schwierigkeiten und Ängsten erzählten. Die Enttäuschung und der Zorn über die menschenverachtenden Selbstmordattentate arabischen Terroristen ist groß und nur allzu verständlich und wird auch von Palästinensern geteilt; aber auch Israelis sprechen genauso offen von ihrer Sorge, daß Militäreinsätze und wirtschaftlicher Boykott nur die Verbitterung und die Not der palästinensischen Bevölkerung vergrößern und keine Sicherheit bringen. Und es gibt noch immer die Bereitschaft, mit dem jüdischen und moslemischen, europäischen oder arabischen Nachbarn zu leben, die Kinder gemeinsam zu erziehen und dadurch Verständnis fur die jeweils andere Tradition und Religion, Kultur und Identität zu wecken. Fast mit Stolz betonenjüdische wie moslemische Israelis, daß sie auch weiterhin in Haifa und Nazareth, in Galiläa und in Jerusalem gemeinsam leben und keinesfalls eine ethnische Trennung wollen; und die Schul- und Bildungsprojekte im Beit Ruthenberg und im Leo-Beck-Zentrum in Haifa oder in Neve ShalomlWahat alSalam oder die anderen Zentren erneuen sich einer großen Nachfrage und auch öffentlichen Anerkennung. Schwierig hingegen ist und bleibt die Situation in der Westbank und im Gaza-Streifen, also in den Gebieten, fur die es noch keine verbindliche internationale Rechtsordnung und offizielle staatliche Lösung gibt. Dort wird das gegenseitige Mißtrauen geschürt, gibt es fatalen Nationalismus aufbeiden Seiten und einen Nährboden fur Fanatismus und Gewalt. Zugleich wächst gerade dort die Einsicht, daß zurückgefunden werden muß zu einer gemeinsamen Verantwortung fur die Lösung der täglichen Probleme, fur die öffentliche Sicherheit, fur die Beseitigung von Hunger und Armut, die Verteilung des Wassers und den Ausbau der Infrastruktur - "so wie es jetzt ist, geht es auf keinen Fall weiter" war der meist gehörte Satz bei den höchst unterschiedlichen Gesprächspartnern. Und es gibt "LIFEGATE' - ein "Tor zu Leben": Mitten in Beit Jala, dieser Stadt vor den Toren Jerusalems, die oft im Zentrum der gewaltsamen Auseinandersetzungen stand und steht, begegnet man fröhlichen Menschen: stark körperbehinderte und gehörlose junge Menschen, fur die ein kleiner Verein medizinische Versorgung organisiert und vor allem eine Berufsausbildung anbietet - und dies in einer arabischen Gesellschaft, in der Behinderte keine Anerkennung und Förderung finden, sondern noch immer am Rand der Gesellschaft möglichst "ungesehen" bleiben sollen. So gibt es bis heute keine finanzielle Unterstützung dieses Werkstattprojektes durch die palästinensichen Behörden? sind die deutschen und palästinensischen Mitarbeiter auf die Hilfsbereitschaft jüdischer Ärzte im benachbarten Jerusalem angewiesen und auf die finanzielle Unterstützung von Freunden In Deutschland, Holland und der Schweiz. Behinderte Menschen und auch ihre Mütter (denn sie leiden vor allem unter dem "Makel" behinderter Kinder) entwickeln durch diese Arbeit Selbstwertgefuhl und Vertrauen und damit Motivation fur ein Lernprogramm und ein selbstverantwortetes Leben. Hier beim Besuch in dieser Werkstatt, dieser Lern- und Lebensgemeinschaft wird augenfällig, daß Haß und Gewalt keine "Tore zum Leben" öffnen, sondern eben nur Selbstwertgefuhl, gegenseitiges Vertrauen und die Möglichkeit, sich selbst durch eigene Arbeit - und seien es auch nur sehr einfache Handgriffe in einer Behindertenwerkstatt - verwirklichen und ernähren zu können. So wurde diese Begegnung mit "LIFEGATE " zum "Schlüsselerlebnis" der Reise (und zugleich ist es das, was am schwersten in Deutschland zu vermitteln ist!) : daß man im Februar 2003 von Jerusalem aus ohne Angst durch Beit Jala und Bethlehem fahren kann, daß es buchstäblich auch Löcher in den Mauem von Angst und Gewalt gibt und man Menschen findet, die fest daran glauben, daß sich vor ihnen das "Tor zum Leben" öffnet. Dieses Tor kann nicht durch Ausbrücke von Haß und Gewalt geschlossen werden; es steht immer offen und ist vielleicht das einzige, durch die der lange Weg zum Frieden führt! Zurückgekehrt nach Halle hören wir von einem neuen Selbstmordanschlag in Haifa und harten Auseinandersetzungen im Gazastreifen. Aber diese Nachrichten können nicht ungesehen und ungehört machen, was die Reise so eindrücklich vor Augen gefuhrt hat: Die Menschen in Israel und Palästina sind auf dem Weg zum Frieden, und sie brauchen unsere Solidarität und unsere "Anwesenheit" - man kann nur wünschen, daß sich möglichst viele nicht durch die Medien entmutigen lassen, sondern die Ängstlichkeit beiseiteschieben und wenigstens ein paar Tage und Kilometer den sicherlich beschwerlichen Weg mitgehen. Dr. Detlev Haupt Wer die Arbeit der Werkstatt in Beit Jala unterstützen möchte, wende sich am besten direkt an "Tor zum Leben e.v.", Handgasse 1, 97070 Würzburg (Spendenkonto 2267581 BLZ 79050000 Städtische Sparkasse Würzburg) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||